Hund und Mensch

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Ein Hund sucht seinen Platz

Neun Monate ist Branko nun bei uns.

Wir haben mal mehr, mal weniger mit Branko gearbeitet. Wir sahen Fortschritte, Rückschritte, Fortschritte.

Frau Lechtenfeld, die erste Trainerin von Branko und Sammy, sagte etwas, das ich nie vergessen werde. Als wir den ersten gemeinsamen Rudelspaziergang in ihrer Begleitung machten meinte sie, dass Branko wie jemand sei, der bisher auf einer einsamen Insel gelebt hat und nur ab und zu mal in die Zivilisation gehen durfte. Nun müsse er lernen für immer in der Zivilisation zu leben.

Und genau dabei wollten wir ihm helfen. Branko sollte die Welt neu erleben und erklärt bekommen.

Unsere erste Aufgabe bestand/besteht darin, Branko die Hierarchie in unserem Rudel beizubringen und die Regeln für unser Zusammenleben zu erklären.

Er sollte lernen, dass es die beiden Alphas gibt, die alle Ressourcen verwalten, auf den Burgfrieden achten, Schutz geben usw

Er sollte lernen, dass er an der untersten Stelle im Rudel steht, dass Sammy Privilegien hat, die er nie erhalten würde.

So simpel das klingt, für einen Hund der anscheinend gewohnt war sich seinen Platz selbst zu suchen und seine eigenen Regeln aufzustellen, hieß das wahrscheinlich, seine bisherige Welt auf den Kopf zu stellen.

Der Anfang:

Branko sucht seinen Platz.

Der sollte natürlich ganz oben sein.

Er versuchte zuerst Sammy zu unterdrücken: dominante Gesten, wie Querstellen, wenn sie nur die kleinste Bewegung machte, vor ihr die Treppe hoch laufen und sie nicht in den Raum lassen, anknurren usw. Es kam aber auch viermal zu kleinen Beissereien, die wir trennen mussten. Hier ist ein Beispiel: beide Hunde sollen gebürstet werden. Sammy natürlich zuerst. Als ich Sammy "entlasse" und Branko rufe, kommt es zu einer Beisserei weil Sammy den Platz noch nicht frei gemacht hat.

Ich hatte den Fehler gemacht, nicht zu warten bis Sammy den Platz verlassen hat.

Ich trennte die Beiden, schimpfte mit Branko, packte ihn ins Nackenfell und brachte ihn in das Zimmer wo sein Körbchen stand. Obwohl er jammerte kümmerte ich mich nicht um ihn, ein Kindergitter verstellte ihm den Weg. Wenn er versuchte, dieses zu überwinden, was natürlich kein Problem für ihn war, schickte ich ihn zurück. Im Rudel wird nicht gebissen! Wer sich nicht an die Regeln hält, hat nichts im Rudel zu suchen! Und Branko als Underdog hat zu warten, bis ihm der Platz von dem ranghöheren Rudelmitglied frei gemacht wird.

Auch Dietmar hatte es nicht leicht.

Sollte Branko bei ihm an der Leine gehen, jankte und jammerte er und zog wie ein Irrer. Er wollte nicht, dass ich Sammy allein an der Leine führte und vor allem wollte er nicht hinter Sammy und mir, sondern mindestens daneben gehen. Natürlich bestimmten seine Alphas wo er zu gehen hat - und ob er überhaupt gehen durfte! Obwohl er regelrecht randalierte blieb Dietmar beim Spaziergang mit ihm im Park zurück, während Sammy und ich vorgingen. Auch heute noch gibt es Tage an denen er an der Leine zieht wie irre. Sobald die Leine spannt, gehe ich mit ihm ein Stück zurück, bis die Leine wieder locker ist und lobe ihn dafür oder es gibt ein <Click - Leckerchen>. Dann gehen wir den ursprünglichen Weg weiter, bis zum nächsten Ziehen......An manchen Tagen klappt es gut, an anderen habe ich regelrechte Katastrophenstimmung, weil wir kaum von der Stelle kommen.

Nachts sollte Branko zunächst in seinem Körbchen bleiben, während Sammy wie bisher vor unserem Bett schlief. Auch hier sollte das Kindergitter ihm zeigen, dass er den Raum nicht verlassen durfte.

Die erste Nacht: Branko läuft das kindergitter etwa jede Stunde um und kommt zu Dietmars Bett. Dietmar steht jedesmal auf, bringt Branko zurück in sein Körbchen und stellt das Gitter wieder auf. Um vier Uhr morgens gibt Branko nach. Er bleibt im Körbchen.

Wir wissen, dass Branko bei einigen Vorbesitzern das Bett und das Sofa für sich entdeckt hatte und mit Knurren gegen den Rest des Rudels verteidigte. Wir haben ihm gezeigt, dass er seinen Schlafplatz nicht selbst zu wählen hat, sondern zugewiesen bekommt. Sofa und Bett gehören den ranghöheren Rudelmitgliedern. Mittlerweile darf Branko genau wie Sammy ins Schlafzimmer, um die Nacht bei seinem Rudel zu verbringen. Aber auf der Erde! Die höheren Liegeplätze gehören seinen Bossen. Er versuchte zwar sich einige Male ins Bett zu schmuggeln, gab dann aber auf. Er schläft häufig im Körbchen und macht nur mehrere Kontrollgänge in der Nacht.

Kontrolle: das schwierigste Kapitel überhaupt!

Als ich Branko kennen lernte sprachen alle davon, dass er so große Trennungsängste hätte und aus dieser Angst heraus schon Haustüren, Treppengeländer, aber auch schon die Hundehütte im Zwinger zerlegt hat.

Ich zweifelte daran auf Grund Brankos Verhalten Menschen gegenüber und auch Frau Lechtenfeld gab zu bedenken, dass es auch Hunde gibt, die regelrecht ausrasten, wenn sie ihr Rudel nicht mehr beschützen und kontrollieren konnten.

Als sie hörte, dass Branko üben sollte in einem Transportgitterkäfig allein zu bleiben, erzählte sie mir von einem Hund, der sich darin die Nägel rausgerissen hatte. Nun, der Käfig blieb auf der Auffangstation.

Branko musste vom ersten Tag an lernen, dass er Zeiten ohne Frauchen verbringen musste. Beide Hunde müssen regelmäßig einige Zeit am Tag in ihrem Körbchen, das in einem Einzelzimmer steht allein verbringen. Wenn ich den Mülleimer rausbringe, in den Keller gehe, sage ich "hier bleiben" und gehe ohne Branko los. Wir üben so das Alleinsein, auch heute noch. Ab und zu gehen die Alphas ohne Hunde weg. Branko schaffte es sehr schnell vier Stunden mit Sammy allein im Haus zu bleiben. Er nimmt es nicht leicht. Er schaut zuerst aus den Fenstern, er wird aufgeregt (hecheln, verfolgen) wenn er merkt, dass Frauchen weg will. Aber er hat niemals etwas zerstört.

Mitterweile waren fünf Monate um. Dietmar und ich beschlossen eine Radtour ohne die Hunde zu machen. Im Garten kümmerten wir uns zunächst um die Fahrräder, redeten miteinander......da passierte es!

Branko riß große Stücke aus der Tür! Sie sah aus, als hätte er sie mit einem Beil bearbeitet!

Vier Wochen später stehen Dietmar und ich im Hausflur unten an der Treppe. Die Zwischentür ist zu und die Hunde in der Wohnung. Branko hört uns, er randaliert - und wieder, er nimmt große Bisse aus der Tür! Dietmar läuft nach oben, schickt ihn in sein Körbchen, macht die Tür wieder zu - Branko randaliert, beisst erneut in die Tür, Dietmar läuft ...Branko randaliert...das geht mehrmals so!

Was nun?

Ich weiss noch nicht genau wie wir dieses Problem lösen können. Aber wir werden es bearbeiten.

Branko gewinnt zunehmend Sicherheit im Rudel. Es ist schön zu sehen, dass er "weicher" wird. Ich glaube, dass er sich dabei viel von Sammy abguckt. Ein Beispiel: als ich von einer ambulanten Handoperation nach Hause kam, roch Sammy an dieser Hand und beleckte sie. Branko schien den Verband an meiner Hand nicht wahrzunehmen. Als ich wieder weg mußte und erneut zurück kam verhielt er sich wie Sammy und beleckte meine Hand. Auch beim Bürsten beleckt er sie nun. Morgens bevor ich aufstehe legt er sich halb übers Bett und wuschelt so richtig herum. Vor einigen Wochen drehte Branko sich auf den Rücken und zeigte mir seinen Bauch zum Kraulen. Ich habe dabei beinahe geweint vor Rührung, denn dieser harte Kerl läßt sich sonst nur mit sanfter Gewalt auf den Rücken drehen. Das Vertrauen, dass er mir damit entgegen gebracht hat, hat mich richtig beschämt. Ich hoffe, dass ich diesen Hund niemals enttäusche.

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